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Das Waisenhaus RODNAJA SEMJA

Rundfunkreportage von Sandra Schumann Herbst 2002

 

Inguschetien, gelegen im nördlichen Kaukasus, könnte den Sprung in eine friedliche Zukunft schaffen, wären da nicht die Nachbarn: die vom Krieg geplagten Tschetschenen. Das kleine Inguschetien, das selbst nur eine Viertel Million Einheimische zählt, muss etwa 150.000 Flüchtlinge beherbergen. Dieser Zustand dauert seit nunmehr 3 Jahren an und sorgt für Spannungen unter den traditionell verbrüderten Völkern. Bislang verdienten einige gutes Geld mit den Flüchtlingen: Leute, die ein Zimmer vermieten, Ärzte und diejenigen, die mit Hilfsgütern Handel treiben. Doch seit dem Moskauer Geiseldrama finden die Kontrollen und sogenannten Säuberungen auch auf inguschischem Boden statt. Vor allem in den Zeltlagern der Flüchtlinge, aber auch auf den Straßen und Märkten sind die Spezialtruppen der russischen Armee allgegenwärtig.

 

Die meisten Flüchtlinge haben in Nasran, Jandare oder Karabulak in Zelten oder alten Kuhställen Obdach gefunden. Sie hoffen, einen Platz in einem der beiden arabischen Zeltlager zu ergattern. Dort gibt es Strom und Gas. Sogar eine Krankenstation und eine Schule gibt es dort. Das wäre die Rettung für viele, die nicht wissen, wie sie ihre Kinder über den nunmehr 4. Kriegswinter retten sollen.

 

Viele verzweifelte Mütter versuchen, ihre Kinder im Waisenhaus „Rodnaja Semja“ unterzubringen. Die Kinder des Waisenhauses haben ein festes Dach über dem Kopf und werden gut versorgt. Sie leben direkt an der Fernverkehrsstraße, die nach Grosny führt, geschützt durch einen hohen, spitzen Zaun, umgeben von zahlreichen Flüchtlingscamps. Täglich donnern LKW`s und Panzer vorbei. Militärhubschrauber rauschen im Tiefflug über die Köpfe der Kinder hinweg. Die Kinder wissen genau, wann die Hubschrauber einen Einsatz fliegen. Fachmännisch erklären sie, dass es nur gefährlich wird, wenn mehrere Hubschrauber gemeinsam fliegen würden. Dann hätten sie Bomben an Bord und würden einen Angriff fliegen. Ist hingegen nur ein einzelner Hubschrauber unterwegs, dann würde er nur einen Kontrollflug machen. Die Kinder fühlen sich sicher. Sie wissen, dass die Hubschrauber viel zu tief fliegen, um abgeschossen zu werden. Sie wissen auch, dass sie eine Art Pfand und Deckung für diese Hubschrauber sind. Niemand würde einen Hubschrauber direkt über einem Lager oder einer Siedlung abschießen. Die Angst steigt erst nachts in den Kindern auf. Dann liegen sie wach und hören die Detonationen, die kilometerweit aus ihrer Heimat hinüberschallen. Die großen Jungen schließen Wetten darauf ab, welche Siedlung es wohl diesmal getroffen hat. Über die eigenen Kriegserlebnisse reden die Kinder nicht miteinander. Wozu auch? Sie haben alle ähnliches erlebt.

Magomed lebt schon eine Weile im Waisenhaus. Er geht zur Schule; hat es innerhalb von 1 ½ Jahren bereits in die 3. Klasse geschafft und kümmert sich mit Hingabe um eine Stute und ihr Fohlen. Er sagt, er möchte mal Arzt oder Anwalt werden.

 

•  Wie heißt Du?

•  Magomed.

•  Wie alt bist Du?

•  11

•  Wie lange lebst Du schon bei Mama und Papa?

•  1 ½ Jahre

•  Wie bist Du denn hierher gekommen?

•  Mich hat eine Tante gebracht.

•  Warum?

•  Weil ich keine Mama mehr habe.

•  Was ist denn passiert?

•  Sie ist gestorben.

•  Kannst Du mir sagen wie?

•  Ja, sie war in Gudermes. Das wurde bombardiert und dabei ist sie gestorben.

•  Warst Du denn dabei?

•  Ja.

 

 

Magomed hatte Glück im Unglück. Er fand eine neue Familie. Er fand Radishat. Radishat Gatajewa ist die Mutter vieler Kinder. Seit dem ersten Tschetschenienkrieg sucht sie nach ihnen: den obdachlosen, verwaisten Kindern, die der Krieg hinterlässt. Die Leute nennen sie den Engel von Grosny.

 

Radishat ist eine große, starke und energische Frau mit schwarzen Haaren und großen, leuchtenden braunen Augen. Es sind die Augen, die ihr wahres Alter erahnen lassen. Der Krieg, der von den Frauen die größten Opfer und Entbehrungen verlangt, hat auch Radishat gezeichnet und vorzeitig altern lassen. Sie sieht erschöpft aus. Seit 1996 hat sie keinen Tag ohne ihre „Familie“ verbracht, die zuweilen aus bis zu 90 Kindern besteht. Gegründet hat sie ihr Waisenhaus mitten in der größten Not.

 

Wissen Sie, das war kurz nach dem 1. Krieg. Es war eine sehr schwere Zeit für unser Volk. Als die ersten 7 Kinder zu uns kamen, arbeitete ich in der Kommandatur von Grosny als Krankenschwester. Ich hatte mir das nötige Wissen selbst beigebracht. Man brachte mir 7 Jungen dorthin. Sie waren zwischen 6 und 11 Jahre alt. Sie waren verletzt, krank und schmutzig. Bei uns in Grosny war praktisch kein einziges Waisenhaus übriggeblieben und deshalb beschlossen mein Mann und ich, sie zeitweise aufzunehmen. Das Schicksal wollte, dass sie für immer bei uns bleiben.

 

 

Radishat, die selbst in einem Waisenhaus aufgewachsen war, weigerte sich, die Kinder einer staatlichen Fürsorge zu überlassen. Sie wollte den Kindern ein Zuhause geben. Sie sagt, sie sei wie eine Glucke, die keines ihrer Küken hergeben könne. Und sie schaffte es, ein unabhängiges, privat geführtes Waisenhaus zu gründen und weitere Strassenkinder bei sich aufzunehmen. Freunde schenkten ihr 2 Waschmaschinen. Damit betrieb sie eine kleine Wäscherei und finanzierte so den Unterhalt der Kinder. Sie mietete eine kleine Wohnung an, kaufte den Kindern Betten, Kleidung und Schulsachen. Radishat und die Kinder fanden zum Alltag zurück. Radishat sagt, dass diese Zeit die glücklichste in ihrem Leben gewesen sei. Doch dann, im Herbst `99 stand Radishat erneut vor dem Nichts.

 

Leider hat dann der 2. Krieg begonnen. Ich hatte einen Säugling, 1 ½ Monate alt. Ich selbst war nach der Geburt schwer krank. Damals hatten wir schon 49 Kinder. Leider blieb nichts übrig von dem, was mein Mann und ich nach dem 1. Krieg aufgebaut hatten. Gemeinsam mit der Wohnung ist unser gesamtes Hab und Gut abgebrannt. Durch eine Bombe, die unser Haus getroffen hatte. Wir konnten gar nichts retten. Wir standen ohne Alles da.

Radishat konnte mit den Kindern in die Ukraine flüchten. Als der Winter vorbei war, mussten sie zurück. Sie kamen bis nach Inguschetien. Radishat suchte für die Kinder eine Unterkunft und fuhr zurück nach Grosny. Sie suchte dort in den Kellern der zerbomten Häuser und auf den Basaren nach Waisen und brachte sie über die Grenze ins sichere Inguschetien. Glück und Zufall wollten, dass ausländische Journalisten und die Hilfsorganisation Cap Anamur auf Radishat und die Kinder aufmerksam wurden. Ihnen ist es zu verdanken, dass die Kinder wieder ein Dach über dem Kopf haben. Auch heute noch fährt Radishat regelmäßig nach Tschetschenien. Sie fährt in die Städte oder Siedlungen, in denen vor kurzem ein Luftangriff oder eine sogenannte Säuberung stattgefunden hat und sucht nach den Kindern, welche die Antiterroroperationen der russischen Armee überlebt haben.

 

Wissen Sie, wie es auf den Dörfern rund um Grosny aussieht? Dort haben die Leute Angst. Die Kinder schlafen nicht mehr. Ich fahre wegen der Kinder dorthin. Ich schlafe in meinen Sachen, weil jeden Moment etwas passieren könnte. Und wenn ich sterben sollte, dann möchte ich nicht im Schlaf überrascht werden.

 

Vor einem Monat erst hatte Radishat das 10-jährige Mädchen Karina aus Grosny mitgebracht. Karinas Mutter ist gelähmt. Sie konnte das schwer lungenkranke Mädchen nicht versorgen. Am Tag des Interviews brach Karina nach einem Erstickungsanfall zusammen. Radishat brachte sie sofort ins Krankenhaus. Diagnose: beidseitige Lungenentzündung. Der Untersuchung waren zähe Verhandlungen mit dem zuständigen Arzt vorausgegangen. Erst nachdem Radishat die volle Summe für Behandlung und ein Krankenbett gezahlt hatte, wurde Karina aufgenommen.

Bronchitis, Tuberkulose und Hautkrankheiten zählen zu den häufigsten Erkrankungen, unter denen die Kinder leiden.

 

Ja, ich habe auch Invaliden. Einem Jungen wurde das Bein amputiert, einem anderen die Hände. Ich habe Kinder, die sehr krank sind, psychisch. Ich habe Kinder mit Bronchitis, mit Lungenentzündung, deren Zustand sich ständig verschlechtert. Es gibt viele Kinder, wie soll ich es sagen, die krank sind. Also, ich habe 12 Kinder zwischen 6 und 18 Jahren, die leider ins Bett nässen. Das ist besonders schrecklich, weil es ihre Psyche ist, die nicht intakt ist. Verstehen Sie, sie haben überlebt. Ich war mit ihnen bei Ärzten und weiß nicht, was ich mit ihnen machen soll. Die älteren Jungen schlafen nachts nicht, sondern passen auf sie auf und wecken sie 2, 3 mal in der Nacht auf. Aber auch das hilft nichts.

 

Das Waisenhaus ist bereits übervoll. Fast 80 Kinder und Jugendliche leben hier zur Zeit. Die Jüngste ist 2, der Älteste ist 20. Die Aufgaben sind verteilt. Die einen helfen in der Küche, die anderen putzen oder versorgen die Tiere. Wenn Radishat zum Essen ruft, stürzen die Kinder aus allen Ecken des Waisenhauses herbei und drängen sich in den kleinen Speiseraum. Radishat sitzt mit den Älteren zusammen und verteilt die Aufgaben für den nächsten Tag. Sie kennt die Sorgen und Ängste jedes einzelnen. Sie weiß jeden Geburtstag und jede Schuhgröße. Nur manchmal rätselt sie über die Herkunft einzelner Kinder. Denn jedes 3. Kind ist nicht tschetschenischer Herkunft.

 

Diese Kinder sind Kriegskinder aus dem 1. und 2. Tschetschenienkrieg. Wir haben hier 8 Nationalitäten. Wir haben tschetschenische Kinder, inguschische, russische, ukrainische, kalmückische, usbekische und eine Nationalität konnten wir noch nicht identifizieren. Aber wir sind froh, dass wir so eine gemischte Familie haben.

 

Lachend zeigt Radishat auf eine 7-jährigen Jungen mit dunkler Haut, schwarzen Haaren und schmalen, verschmitzten Augen. Sie ruft ihn zu sich. Er kommt und setzt sich auf ihren Schoß. Radishat streicht ihm über die Haare und sagt: „Das ist Salambek, unser Chinese.“ Dann wird sie wieder ernst und erklärt:

 

Das kommt daher, weil bei uns in Grosny viele Nationalitäten gelebt haben. Und diese Bomben, die auf Grosny fielen, haben nicht nur die Tschetschenen getroffen. Leider, verstehen Sie! Die Bomben suchen sich ihr Ziel nicht aus. Sie fallen leider auf alles und jeden.

 

Dann ruft Radishat Hassan zu sich. Er ist einer von den großen Jungs. Er lebt seit 1996 bei ihr. Davor hauste er mit seinen Freunden fast 2 Jahre lang auf dem Basar von Grosny. Er soll berichten, welches Dasein obdachlose Kinder fristen. Zögerlich fängt Hassan an zu erzählen. Er schämt sich für seine Vergangenheit.

 

•  Ich glaube, 8 Jahre habe ich bei meinem Vater gelebt. Als mein Vater gestorben war, habe ich die meiste Zeit auf der Straße verbracht, auf den Basaren.

•  Was habt Ihr gemacht?

•  Was wir gemacht haben? Wir sind herumgestromert!

•  Was bedeutet das?

•  Na ja, auf dem Basar haben wir Dieses oder Jenes geklaut.

•  Und was war mit Drogen?

•  Drogen? Die gab es! Ich will mich nicht daran erinnern.

•  Kannst Du mir sagen, ob es noch viele obdachlose Kinder gibt?

•  Es gibt viele. Jetzt auch noch.

 

Hassan ist der einzige, der in einer Autowerkstatt ein wenig Geld verdienen kann. Seinen gesamten Lohn gibt er Radishat. In seiner freien Zeit versorgt er die Kühe und kümmert sich um seine jüngeren Geschwister, wie er sie nennt. Er will nicht weg von Radishat, von seinem Zuhause. Er weiß, dass er entweder in der Illegalität oder in der russischen Armee landen würde. Er ist längst wehrpflichtig. Radishat hat den Jungen vor 8 Jahren vor dem Drogentot gerettet. Sie hat mit ihm gelitten. Es hat sie viel Kraft gekostet. Er ist einer ihrer vielen Söhne, den sie um keinen Preis wieder verlieren will. Er soll nicht in die Krieg, um dort zu sterben. Er soll überhaupt nicht kämpfen, weder in der russischen Armee, noch auf Rebellenseite. Ihre Hoffnung ist, dass Hassan und die anderen Jungs in Frieden in die Heimat zurückkehren können, um sie wieder aufzubauen.

 

Wenn wir zu Hause wären! Wenn dieser Krieg nicht wäre, würden wir nach Hause zurückkehren. Wir könnten dort arbeiten. Die Kinder sagen selbst: „Mama, wenn wir zu Hause wären, könnten wir etwas tun.“ Leider sind wir so unbedingt auf materielle Hilfe angewiesen. Ohne finanzielle Unterstützung könnten die Kinder nicht lernen und nicht mit Medikamenten versorgt werden. Was benötigt man sonst noch? Alles, was in einer Familie nötig ist! Kleidung, Schuhe, Unterwäsche. Es ist schwer zu sagen, was Kinder zum Leben nicht gebrauchen könnten! Es ist sehr schade, dass wir überhaupt hier sitzen müssen, um darüber zu reden.

 

Alle Flüchtlinge wünschen sich nichts sehnlicher, als in ihre Heimat zurückzukehren. Doch ein Ende des Krieges in Tschetschenien ist nicht in Sicht. Das Risiko, der russischen, sogenannten „Antiterroroperation“ zum Opfer zu fallen, hat sich in diesem Herbst erheblich vergrößert. Radishat denkt an die vielen Kinder, die sie bislang nicht retten konnte. Es ist momentan schwierig, unbehelligt über die Grenze zu kommen. Ihr steigen die Tränen in die Augen, als sie von ihrer Angst erzählt: der Angst, vielen Kindern nicht helfen zu können.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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