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Das Waisenhaus Rodnaja Semja

 

Radishat Gatajewa (42) und ihr Mann Malik haben während des ersten Tschetschenienkrieges 1995 das Waisenhaus Rodnaja Semja gegründet. Seit dieser Zeit betreuen sie zwischen 50 und 100 Kinder als deren Vormund oder Adoptiveltern. Zu Beginn des 2. Tschetschenien-krieges, im Herbst 1999 wurde das erste Waisenhaus in Grosny ausgebombt. Die Kinder flüchteten in die Nachbarrepublik Inguschetien. Dort haben sie übergangsweise in einem provisorisch gebauten Waisenhaus gelebt. Im Herbst 2004 ist das Waisenhaus im Zuge der Repatriierung tschetschenischer Flüchtlinge mit Hilfe von Cap Anamur nach Grosny zurückgekehrt. Das privat geführte Waisenhaus erhält keinerlei Unterstützung vom russischen Staat und ist auf Spenden aus dem Ausland angewiesen. Für das Jahr 2006 gibt es noch keine Finanzierung.

 

Das Ehepaar Gatajew beherbergt Vollwaisen und Sozialwaisen, die insgesamt 8 Nationalitäten angehören. Ein Drittel der Kinder und Jugendlichen sind ethnische Russen oder Ukrainer und ebenso Opfer des Krieges wie ihre tschetschenischen „Brüder und Schwestern“. Tatsächlich bilden die Kinder und ihre Betreuer eine große Ersatzfamilie. In diesem Sinne werden die Kinder auch erzogen. Selbst fast erwachsene Jungs nennen Radishat „Mama“.

 

Immer wieder gibt es Anfragen verzweifelter Eltern und Verwandter, die ihre Kinder nicht versorgen können. Es kommen Vergewaltigungsopfer zu Radishat, um ihre Kinder abzugeben – Kinder und Mütter, die von der tschetschenischen Gesellschaft nicht selbstverständlich als Opfer akzeptiert werden. Zivilisten geben Findelkinder im Waisenhaus ab oder führen Radishat zu verwahrlosten Familien und Straßenkindern.

 

So haben die Bewohner eines Hauses in Grosny Radishat im Sommer 2005 zu sich gerufen. Aus einer Wohnung war Verwesungsgeruch gedrungen. Die Bewohner haben daraufhin die Wohnung aufgebrochen und fanden 2 kleine Mädchen, Raissa (2) und Galja (5) neben einem Säugling, der bereits seit 2 Wochen tot war. Die Schwestern waren stark unterentwickelt und traumatisiert. Raissa konnte noch nicht einmal stehen, geschweige denn laufen. Ihre ältere Schwester Galja bedarf dringender stomatologischer und kieferorthopädischer Behandlung. Für die beiden russischen Mädchen hat das Ehepaar Gatajew auf unbestimmte Zeit die Vormundschaft übernommen – eine Lebensaufgabe.