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Frauen in Russland 

Die Opfer häuslicher Gewalt bleiben meist sich selbst überlassen. Die Mitarbeiterinnen der Frauenrechtsorganisation „Stoppt Gewalt“ setzen sich für misshandelte Frauen und Mädchen ein.

Rundfunkreportage von Sandra Schumann Frühjahr 2003

 

Der 8. März wird in Russland groß gefeiert. Es ist ein Feiertag, fast ebenso wichtig wie das Weihnachtsfest oder Ostern. Es ist der Tag der Frauen. Sie sollen an diesem Tag geehrt werden. Doch von ursprünglichen Geist des Internationalen Frauentags, der einst einen wichtigen Beitrag zur Gleichberechtigung der Frauen leistete, ist nicht mehr viel zu spüren. Er ist für Mann und Frau ein willkommener Anlass zum Feiern und ein paar Tage frei zu machen. Die Preise für Blumen, Konfekt und Parfüm steigen in der ersten Märzwoche um ein Vielfaches und es gehört zum guten Ton, den Damen ein teures Geschenk zukommen zu lassen. Viele Männer zahlen gern. Sie waschen sich mit Geschenken rein von den Schikanen und Gewalttaten gegen ihre eigenen Frauen.

 

Marina Regentova ist eine resolute Frau um die 40, der niemand so leicht etwas vormachen kann. Dem in Russland übermäßig zelebrierten Frauentag kann sie überhaupt nichts positives abgewinnen.

 

„Der Frauentag ist ein professioneller, kommerzialisierter Tag geworden. Man gratuliert Dir, weil Du von Beruf Frau bist. Und den Rest des Jahres kämpft man gegen Dich. Das ist doch verlogen. Das einzig positive am 8.März ist, dass die Leute 3 Tage frei haben. Für die Männer ist das sowieso ein großer Feiertag. Sie strengen sich ein bisschen an und denken über Geschenke nach. Aber dafür werden sie köstlich bewirtet.“

 

Kaum jemand weiß es besser als Marina Regentowa und ihre drei Mitstreiterinnen, wie Frauen in Russland in Wahrheit von ihren Männern behandelt werden. An ihre Organisation „Stoppt Gewalt“, die landesweit 45 Zentren unterhält, haben sich allein im vorigen Jahr 96 000 Frauen gewendet. Frauen, die von Männern geprügelt, vergewaltigt, gequält worden sind. 14 000 Frauen in Russland sterben pro Jahr infolge häuslicher Gewalt, fand die International Helsinki Federation of Human Rights heraus. Laut offizieller Statistik werden jährlich 11 000 Frauen vergewaltigt, nach Ansicht vieler Experten ist das maßlos untertrieben.

 

Vergewaltigungsopfer genießen kaum rechtlichen Schutz. Der Spießrutenlauf und die Beschuldigungen, denen sie ausgesetzt sind, schrecken die meisten ab, ihr Recht einzuklagen. Die Täter bedrohen sie und mögliche Zeugen, setzen sie massiv unter Druck. Nicht selten verkehrt sich die Wahrheit in ihr Gegenteil, werden aus Opfern Täter, die angeblich den Übergriff selbst provoziert haben. Selbst Familienangehörige wenden sich von ihnen ab. Das Thema Vergewaltigung ist in der russischen Gesellschaft tabu. Eltern, deren Töchtern Gewalt angetan wurde, müssen sich dann sogar den Vorwurf gefallen lassen, ihr Kind zu einem „leichten Mädchen“ erzogen zu haben.

 

„Findet eine Vergewaltigung innerhalb der Familie statt, so wird behauptet, dass dies eine persönliche Angelegenheit sei. Dies läge eben in der Natur des Mannes. In einem Fall wurde ein 13jähriges Mädchen von 2 Männern gekidnappt und 2 Tage lang in einem Haus festgehalten. Statt gegen die Täter zu ermitteln, hatten die Polizeibeamten nichts besseres zutun, als die Eltern des Mädchens am Telefon zu beschimpften, wie sie es wagen könnten einen so angesehenen Mann in Schwierigkeiten zu bringen. Es müsste ihnen doch peinlich sein, den Mann in solche Schwierigkeiten zu bringen. Das Problem wird immer von der falschen Seite angepackt. Alle kümmern sich um die Rettung der Männer. Aber niemand denkt darüber nach was wohl aus der jungen Frau wird oder aus ihren Eltern.“

 

Marina Regentova und die Rechtsexpertin der Organisation, Alexandra Kareva, erklären, dass die meisten Hilfesuchenden zwischen 25 und 45 Jahre alt sind und minderjährige Kinder haben. Sie kommen aus allen sozialen Schichten. Mehr als die Hälfte der Frauen haben sogar einen Hochschulabschluss und kommen aus wohlsituierten Verhältnissen. Selbst Karrierefrauen und Prominente kommen zu ihnen, da paradoxerweise ausgerechnet ihnen die Polizei nicht weiterhilft. Die Beamten haben Angst vor den einflussreichen Ehemännern oder aber die Frauen selbst wollen vermeiden, dass die Öffentlichkeit davon erfährt.

 

„70 % der Frauen, die sich an uns wenden, sind Opfer physischer Gewalt. Diese Gewaltstatistik ist so hoch, weil die Frauen immer erst dann bei uns Hilfe suchen, wenn es schon zu Übergriffen gekommen ist. Viele Frauen versuchen viel zu lang allein, einen Ausweg zu finden.“

 

Zwar werden die städtischen Sorgentelefone von den Frauen viel genutzt, doch in schlimmen Fällen können sie sie nicht mehr trösten.

Für die dann nötige psychologische und juristische Betreuung stehen dann Marina Regentowa und Alexandra Karewa zur Verfügung. Allerdings sind auch ihre Möglichkeiten, den Frauen zu ihrem Recht zu verhelfen, bescheiden. Denn staatliche Gelder bekommen sie nicht, die Organisation wird ausschließlich von internationalen Fonds finanziert, auch das EU-Programm Tacis hilft. Ihr politischer Einfluss dagegen wird größer, mittlerweile werden sie von Duma-Abgeordenten um Rat gefragt, doch überfällige gesetzliche Veränderungen zum Schutz von Frauen in der Familie und am Arbeitsplatz haben sie bislang nicht bewirken können.“

 

Den notleidenden Frauen ist die direkte Hilfe zunächst wichtiger. Eine Zuflucht für diejenigen, die ihre Männer verlassen wollen, kann die Frauenorganisation allerdings nicht bieten, denn für ein eigenes Frauenhaus reichen Kraft und Geld der Organisation nicht aus. Der Staat, der unmäßig hohe bürokratische Hürden für ein Frauenhaus aufbaut, unterhält selbst nur 10 im ganzen Land, in dem insgesamt nicht einmal 100 Frauen mit ihren Kindern Unterschlupf finden und auch das nur für höchstens einen Monat. Aus geprügelten und misshandelten Frauen werden so schnell Obdachlose, die nirgendwo mehr eine Bleibe haben.

 

 

 

 

 

 

 

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