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01.07.04

Reisebericht Dagestan Juni 03

Reportage ND, 26./27.07.03

Das dagestanische Chassawjurt nahe der tschetschenischen Grenze schien einst der Ort des Friedens, aber längst liegt der Schatten des Krieges wieder über der Stadt.

Es geht zu wie auf einem großen Basar in Chassawjurt. Die Stadt ist Umschlagplatz für Waren aller Art aus aller Welt. Obst und Gemüse, Fisch, Fleisch, Teppiche, Schmuck, Kosmetik, Möbel - alles kann man auf den 28 Märkten der zweitgrößten Stadt Dagestans erstehen.
Hannibal G. kennt die Märkte, viele Händler und viele Geschichten und weiß auch, wie der Handel funktioniert: „90 Prozent der Waren kommen aus Baku. Die Aserbaidschaner bringen sie an die dagestanische Grenze. Dort werden sie von Zwischenhändlern in Empfang genommen. Tschetschenen transportieren sie von hier weiter. Sie sind die einzigen, die über die Grenze nach Tschetschenien kommen. Sie liefern die Waren dort ab oder bringen sie nach Inguschetien oder Nord-Ossetien oder noch weiter. Das bringt mehr Geld.“
Die meisten der Tschetschenen, die seit Jahrhunderten im Gebiet Chassawjurt ansässig sind, leben vom Handel. Etwa 10 000 Pendler passieren täglich mit Bussen oder Pkw die dagestanisch-tschetschenische Grenze. Andere Einnahmequellen gibt es kaum: Die Arbeitslosigkeit liegt bei über 75 Prozent. Die Produkte, für die Dagestan einst bekannt war, werden kaum noch hergestellt. Die Sowchosen ebenso wie die Teppich- und Silberschmiedemanufakturen, deren kunstvolle Arbeiten Exportschlager waren, starben gemeinsam mit der Sowjetunion. „Früher“, sagt Hannibal G. „habe ich auf der Sowchose gearbeitet und gut verdient. Zuerst verschwand der Direktor, dann verschwanden wir, weil wir kein Geld mehr bekamen. Heute liegen die Felder brach. Das Land verödet, weil niemand die Bewässerungsanlagen wartet.“ Jetzt handelt der 37-jährige mit Galoschen. Aber das Geschäft läuft nur im Winter. Dann fährt er oft rüber nach Tschetschenien, um seine Gummi-Überschuhe zu verkaufen.
Hannibal G. ist heilfroh, dass Dagestan seine Heimat ist. Die Nachbarn in seinem Dorf Osmanjurt sind alle Tschetschenen. Mit vielen ist er verwandt. Im Nachbardorf wohnen Kumyken. Auch zu ihnen pflegt er ein freundschaftliches Verhältnis. Er muss nicht das Schicksal der vielen Flüchtlinge teilen, die Tschetschenen sind wie er, aber nicht willkommen in Dagestan. Ohne Rechte, ohne festes Dach überm Kopf, ohne Geld für die nötigsten Dinge.
Während des ersten Krieges hatten in Chassawjurt und umliegenden Dörfern Tausende Flüchtlinge Unterkunft und auch Mitgefühl gefunden. Hier unterschrieben der russische General Alexander Lebed und de spätere tschetschenische Präsidenten Aslan Maschadow am 31. August 1996 einen Friedensvertrag. Damals schien es, als würde alles gut.
Aber 1999 begann der zweite Tschetschenien-Krieg. Wieder kamen Flüchtlinge nach Chassawjurt. Als „Illegale“ erhalten sie jedoch keine Entschädigung, wie sie Russlands Präsident Putin den Kriegsopfern und Flüchtlingen versprochen hat. Und in Dagestan misstraut man Tschetschenen, seit im August 1999 die islamistischen Rebellenführer Ibn-ul-Chattab und Schamil Bassajew mit ihren tschetschenischen Kommandos die dagestanischen Bergdörfer Karamachi und Tschabanmachi besetzt und einen unabhängigen islamischen Staat Dagestan ausgerufen hatten. Das rief die russischen Truppen auf den Plan, die sich auf dagestanischem Boden schwere Gefechte mit den tschetschenischen Kampfgruppen lieferten, bevor sie das Kriegsgeschehen nach Tschetschenien verlagerten.

Die Flüchtlinge und ihr Engel

In Dagestan fürchtet man Kriminelle und islamistische Attentäter, die sich unter Flüchtlinge und Händler mischen, und auch die Bojewiki, die tschetschenischen Kämpfer, die in Dagestan ihr Rückzugsgebiet haben. Leidtragende sind die Flüchtlinge, die von der örtlichen Miliz schikaniert werden. Viele haben sich versteckt, ihre Unterkünfte sind schwer zu finden. Hannibal G. kennt den Weg zu einer ehemaligen Schule, einer dunklen, feuchten Ruine. Es stinkt nach Müll und Fäkalien. Inmitten des Schmutzes tummeln sich Kinder, Frauen und Alte. Die haben viel zu erzählen. Jeder will von seinem Elend berichten. Eine junge Frau wird gerufen, die das Gelände zeigen soll. Sie sei sehr gebildet, erzählen die Frauen, denn sie studiere.
Malika Sch. ist groß, schlank und hat ein offenes und freundliches Gesicht. Das schwarze Haar hat sie zu einem Zopf geflochten. Inmitten des Elends wirkt sie wie ein Engel. Und so muss sie den Flüchtlingen wohl auch vorkommen. Malika, loben die Frauen, hilft jedem, wo sie nur kann und sie unterrichtet die Kinder. Kein leichter Job, meinen die Mütter. Viele Kinder haben ausgeprägte Lernschwierigkeiten. Einige sind hyperaktiv, können sich nicht konzentrieren. Andere sind verschlossen und unzugänglich. Wieder andere lungern lieber auf den Märkten herum und warten auf einen Nebenverdienst.
Malika lächelt verlegen über die Komplimente. Fast jedes Kind habe eben ein Kriegstrauma und deshalb müsse man sehr sensibel sein. Später erzählt sie im Flüsterton, dass sie eigentlich in Grosny bei Mutter und Bruder wohnt und zusätzlich zu ihrem Lehrerstudium noch Ökonomie studieren wird. Sie kommt hin und wieder nach Dagestan, weil sie, wie sie sagt, etwas nützliches tun will für ihr Volk. Niemand hat sie beauftragt, die Flüchtlingskinder zu unterrichten.
Am liebsten würde sie weit wegfahren, gesteht sie und fügt im selben Atemzug hinzu, dass sie das wohl nie tun wird. Zu eng fühlt sie sich ihren Leuten verbunden: „Die hier leben müssen, tun mir leid. Jeder von ihnen hat Familienangehörige verloren, das Haus, die gesamte Existenz. Früher waren die Bombardements das Gefährlichste. Heute sind es die Säuberungen. Zu Hause, in Tschetschenien, verschwinden viele junge Männer für immer. Andere werden in Sammellagern gefangen gehalten. Die Familien müssen sie zurückkaufen. Aber wie sollen sie das bezahlen? Nein, die Leute können nicht zurück, auch wenn sie hier illegal leben und wie Kriminelle behandelt werden. Erst wenn sich die russischen Streitkräfte uns gegenüber normal verhalten oder abziehen, können diese Leute über eine Rückkehr nachdenken.“
An eine friedensstiftende Wirkung der tschetschenischen Präsidentschaftswahl im Oktober glaubt sie nicht: „Überhaupt nichts wird sich durch diese Wahlen für unser Volk ändern. Der Krieg ist noch lange nicht vorbei.“

Der Geschäftsmann und die Miliz

Der Krieg ist auch in Chasawjurt gegenwärtig und sorgt für eine bedrohliche Kulisse. Armeekolonnen rollen täglich nach Tschetschenien. Die Stadt ist militarisiert. Selbst Zivilisten tragen Mini-MPs am Gürtel. An jeder Ecke steht ein Kontrollposten. Die Milizionäre inspizieren fast jedes Fahrzeug und seine Insassen.
Sultan U. sitzt in seinem BMW und redet auf einen der Posten ein. Jeder Milizionär im Gebiet Chassawjurt sollte den 47-jährigen Geschäftsmann kennen. Er passiert stets ungehindert. Aber gerade hat ihn jemand gestoppt. „Der war neu. Dem hab ich erst mal erklärt, wer ich bin und wen ich kenne.“ sagt Sultan. „Ich habe vor niemandem Angst, denn ich habe gute Kontakte in alle Richtungen und genug Geld, um diese Kontakte zu pflegen. Die russischen Gesetze gelten hier nicht. Würden sie funktionieren oder helfen, würde ich mich an sie halten. Aber so... Ich passe mich nur den Umständen an.“
Sultan U. gehörte zu jenen, die sich die besten Stücke des sowjetischen Ausverkaufs unter den Nagel gerissen haben, und die auch jetzt noch an den Hebeln sitzen. Sultan U. ist aber auch Tschetschene. Es käme einem Verrat gleich, würde er sich bei Schwierigkeiten an die Staatsmacht wenden. Auch deshalb wickelt er Probleme und Geschäfte unter der Hand ab.
Als Oberhaupt eines alten und großen tschetschenischen Familienclans ist er eine Autorität, mit der man gern gesehen wird und mit der man gern Geschäfte macht. Aber außerhalb der Strukturen, die er sich in Chasawjurt geschaffen hat, bewegt es sich nicht: „Ich fahre nicht in die Berge. Ich habe nichts übrig für Wahhabiten. Und ich will auch nicht von irgendeinem Bergstamm gekidnappt werden. Ob Fundamentalist oder Krimineller - die sind alle gefährlich und richtige Verbrecher. Da hilft weder Macht noch Geld.“
Auch hinüber nach Tschetschenien fährt er nicht. Sultan hasst den Krieg, er hasst die Bojewiki ebenso wie die Russen. Einfach weil sie ihm die Geschäfte versauen: „Ich würde gern ins Bauwesen einsteigen. Da drüben ist ja alles kaputt. Muß alles wieder aufgebaut werden. Mit Baumaterial könnte ich dort nach dem Krieg steinreich werden. Aber diese Idioten werden wohl nie aufhören, sich gegenseitig umzubringen.“
Hannibal G., Malika Sch, Sultan U. - Tschetschenen in Dagestan. Wer sie auch sind, was sie auch tun, der Krieg holt sie jeden Tag ein.

Posted by Sandra Schumann at 01.07.04 13:12