05.07.04
Frauen im Krieg – Lipchan Basajewa von Memorial
Rundfunkreportage von Sandra Schumann Frühjahr 2003
Lipchan Basajewas Büro in Nasran ist ein Anlaufpunkt für alle, die Kummer haben. Zu ihr kommen Angehörige von vermissten oder verschleppten tschetschenischen Männern, von bei den verrufenen Säuberungen der russischen Armee Getöteten.
Die engagierte Frau mit dem silbergrauen Haar und offenen Gesicht hört den verzweifelten Menschen zu, tröstet, rät, so gut sie kann. Und sie macht sich Notizen, denn als Mitarbeiterin der Organisation Memorial dokumentiert sie Menschenrechtsverletzungen in Tschetschenien, von der die Welt in Kenntnis gesetzt werden soll.
An diesem Tag ist Sainap Umaschewa bei ihr. Die alte Frau mit dem weißen Kopftuch berichtet unter Tränen, was am 29. November in Alchan Kala mit ihrer Schwester Malika passierte.
„Sie haben sie in den Rücken geschossen. Das war ein brutaler Mord.“
An jenem Abend hatten vier Kommandos der russischen Armee das Haus der Bürgermeisterin umzingelt. Insgesamt 60 Männer waren im Einsatz, um die 55jährige zu töten. Ihr Grund: sie hatte Wochen vorher öffentlich die brutalen Säuberungsaktionen der russischen Armee kritisiert. Dafür musste sie nun mit ihrem Leben bezahlen.
Etliche Männer waren in den Monaten zuvor verschleppt und umgebracht worden. Ihr Geburtsort Alchan-Kala wurde ihnen zum Verhängnis. Ein Ort, aus dem auch Barajew stammte, ein Kommandant der tschetschenischen Freischärler und gesuchter Terrorist.
„Wie die Säuberungen vonstatten gehen, ist ja mittlerweile bekannt. Sie misshandeln, terrorisieren, marodieren, beleidigen, sind grob, klauen und schlagen. Alle Mittel sind ihnen recht. Sie schämen sich für gar nichts. Sie machen keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen.“
Bei der Durchsuchung des Hauses von Malika Umaschewa, so der Chef des russischen Generalstabs Anatoli Kwaschnin später im russischen Fernsehen, wurden angeblich ein Eimer, halbvoll mit Diamanten und mehrere Tausend Dollar Falschgeld gefunden. Ein sicheres Zeichen für die Zusammenarbeit Malikas mit tschetschenischen Wahhabiten, so Kwaschnin. Was die Bürgermeisterin mit diesen Funden zu tun hatte, warum sie dafür sterben musste, erklärt der Kommandeur nicht, auch nicht, auf welche Art und Weise die Zivilistin umgebracht wurde. Für ihre Schwester wie auch für die Menschenrechtsaktivistin steht fest, dass der Fund fingiert war, das die Frau sterben musste, weil sie zu unbequem geworden war.
Sainap Umaschewa, die Schwester der getöteten Bürgermeisterin, ringt um Fassung. Schluchzend erzählt sie wie sie deren Leiche von Kugeln zersiebt im Schlamm liegend fand. Lipchan Basaewa nimmt Sainap in den Arm und tröstet sie. In solchen Momenten werden ihr die Gefahren der eigenen Arbeit bewusst.
„Als ich von ihrem Tod erfuhr, habe ich gedacht, dass ich wohl die nächste sein werde. Ich bin oft in Tschetschenien. Ich gehöre neben Memorial dem tschetschenischen Frauenverband „Ehre der Frauen“ an. Wir versuchen Frauen zu helfen, die Opfer dieses Krieges geworden sind. Das sind vor allem die psychologischen Opfer, also vergewaltigte Frauen und soziale Opfer. Weil wir damit mehr wissen, als wir sollen, befinden wir uns alle in Gefahr. Würden wir zum Beispiel offen über Malikas Ermordung reden, könnte das bereits der Anlass für die nächste Erschießung sein.“
Lipchan, die studierte Philologin, arbeitete vor dem Krieg an der Universität von Grosny und unterrichtete russische Sprache. Sie könnte auch heute noch dort arbeiten, doch die ständigen Kontrollen und Schikanen durch russische Streitkräfte machen einen normalen Lehrbetrieb unmöglich:
„Vor 2 Jahren wurden mehrere Studenten direkt vor der Universität erschossen. Sie waren auf dem Weg nach Hause, als sie unter Artilleriebeschuß kamen. Noch immer werden jeden Tag Studenten verhaftet, die dann spurlos verschwinden. Erst im Februar wurden im Bezirk Staropromeslawski um 3 Uhr nachts 3 Studenten der Erdölfakultät verhaftet. Einen Monat lang haben wir sie gesucht. Dann fand man ihre Leichen.“
Lipchan Basajewa erklärt, warum sie die Arbeit als Pädagogin aufgegeben hat und sich trotz aller Gefahren der Menschenrechtsarbeit widmet.
„Den Repressionen fallen neutrale Menschen zum Opfer. Leute, die überhaupt keine politische Position oder radikale Einstellung haben. Die Masse der Leute lebt einfach ihr Leben, ohne sich in politische Belange einzumischen. Das sind meist diejenigen, die zu den ersten Opfern gehören. Nehmen wir Malika. Sie war kein politisch engagierter Mensch. Sie war politisch neutral. Aber sie war für Gerechtigkeit. Sie konnte einfach nicht darüber hinwegsehen, dass an der Zivilbevölkerung offen und ungehindert Verbrechen verübt wurden. Als Bürgermeisterin dieser Siedlung sah sie es als ihre Pflicht an, die Bewohner zu schützen. Sie wurde bestraft wegen ihrer Ehrlichkeit, ihrer Offenheit.“
Posted by Sandra Schumann at 05.07.04 18:45