03.06.04
Russland: Korruption dominiert den Alltag
Rundfunkreportage von Sandra Schumann Frühjahr 2003
Korruption heißt das Übel, dass sich durch alle Bereiche der russischen Gesellschaft zieht. 33,5 Milliarden Dollar, ein Zehntel des Bruttoinlandsprodukts werden in Russland jedes Jahr in sogenannte Wsjatki, Bestechungsgelder gesteckt. Damit gehört Russland zu dem bestechlichsten Drittel aller Industrienationen. Die ganz großen Summen werden dabei in Politik und Wirtschaft verschoben. Aber auch die Bürger tragen im täglichen Kampf auf Behörden und Ämtern zur Kultur des Handaufhaltens bei.
Wenn sie die Wahl haben zwischen einem endlosen Hürdenlauf durch die russische Bürokratie oder einer schnellen und unkomplizierten Lösung eines Problems, entscheiden auch sie sich im Zweifel für die Schmiergeldzahlung. Etwa ein Sechstel seines Monatsgehaltes, dass bei durchschnittlich 200 Dollar liegt, zahlt jeder Arbeitnehmer für Amtshandlungen oder Gefälligkeiten.
Tatjana Galaidowa stützt den Kopf auf ihre Hände und denkt nach. Die zierliche 42-Jährige überlegt, wie viel Geld sie schon auf Ämtern, bei Gericht und in Krankenhäusern gelassen hat und welche Summe wohl die Ausbildung ihres Sohnes noch kosten wird. Danil geht in die 10. Klasse. Im kommenden Jahr macht er sein Abitur und danach soll er sofort mit dem Studium beginnen. Die Mutter will ihn unbedingt am Lehrstuhl für Militärwesen unterbringen. Schreibt sich ein Student an einem Militärlehrstuhl ein, umgeht er damit die Wehrpflicht. Doch diese Plätze sind heiß begehrt.
„Noch während des letzten Schuljahres muss man gute Dozenten und Professoren an der Universität finden. Da herrschen vielleicht Preise. Der Institutsprofessor lässt sich dafür bezahlen, dass er meinen Sohn in seine Fakultät aufnimmt. Ich habe gehört, dass das bis zu 5000 Dollar kosten kann. Das heißt, ich muss sparen. Sparen, sparen, sparen.“
Viele Uni-Professoren, die die raren Studienplätze quasi verkaufen und auch die Militärärzte haben sich den schlechten Ruf der Armee zu Nutzen gemacht. Sie verlangen immer höhere Schmiergelder für eine Befreiung von der Wehrpflicht. Sie wissen, dass Mütter wie Tanja Galaidowa alles daran setzen, ihre Söhne davor zu bewahren.
Frau Galaidowa hat ihrem Sohn eingeschärft so gut und so viel wie möglich zu lernen. Sie hofft, dass er auf Grund seiner Leistungen vielleicht ein Stipendium erhält und damit kostenlos studieren kann. Wer reiche Eltern hat, kann faul sein, denn Diplome gibt es auch zu kaufen. Doch das kann sich Tanja Galaidowa nicht leisten. Sie gibt bereits genug Geld dafür aus, ihren Sohn zu einem guten Abitur zu führen.
Denn auch die Lehrer haben ganz eigene Methoden, ihre kargen Beamtengehälter aufzubessern. Tanja erzählt, dass Danils Chemielehrerin sie darüber informiert habe, dass ihr Sohn nur durch Einzelunterricht zu besseren Noten käme. Nun zahlt Tanja für jede Privatstunde, die die Lehrerin für nötig hält.
„Im Unterricht vermitteln die Lehrer nicht genügend Wissen. Dann muss man sich darum kümmern, dass das Kind Zusatzunterricht erhält. Und dafür muss man bezahlen. Es gibt da so einen inoffiziellen Tarif. Der liegt bei 250 Rubel pro Stunde. Das ist normal.“
Für die Mutter ist es normal, dass die Pädagogen ihr Wissen nicht unter Wert verkaufen. Sie hat sich auch daran gewöhnt, dass das offiziell kostenlose Gesundheitswesen genau so funktioniert. Als ihre Mutter schwer krank wurde, zahlte Tanja Galaidowa für jede einzelne Spritze und für jede Visite des Arztes. Sie beschenkte die Krankenschwestern, damit sie sich gut um die Patientin kümmerten. Sie brachte ihrer Mutter die Mahlzeiten vorbei, weil das eben so üblich sei, meint Frau Galaidowa.
„Ja, ich bezahle. Wenn ich versuche, etwas gegen diese Ungerechtigkeiten zu unternehmen, verliere ich nur Zeit. Stellen Sie sich vor, jemand ist schwer krank. Wenn ich anfangen würde, mich zu empören und zu protestieren, ist es für den Kranken vielleicht schon zu spät.“
Georgi Satarow, Chefpolitologe des Instituts Indem bestätigt, dass über die Hälfte der russischen Bevölkerung die Alltagskorruption in Russland für ein lästiges, aber notwendiges Übel hält. Der einzige Weg, dieses Übel wirksam zu bekämpfen, seien Reformen auf oberster Ebene, so Satarow.
„Wir brauchen politische Veränderungen, dass heißt, Wettbewerb innerhalb der Politik, offene Strukturen und eine freie Presse. Wenn das nicht geschieht, wird es sehr schwer werden, gegen die Korruption vorzugehen.“
Dass die Regierung Putin das Problem lösen wird, daran glaubt Saratow allerdings nicht.
„Ich glaube, es gibt noch keinen Weg in die richtige Richtung. Es muss ja nicht nur die Gesetzgebung geändert werden, man muss auch aktiv gegen die korrumpierten lokalen Strukturen vorgehen. Gemessen an den Ausmaßen des Problems, sind die Schritte, die bislang unternommen wurden winzig.“
Posted by Sandra Schumann at 03.06.04 18:03